Roh-Kost

„Ich bearbeite meine Bilder nicht! Ich möchte die Fotos so haben, wie sie aus der Kamera kommen! Schließlich macht die Kamera die Bilder und nicht mein Computer!“

Wie oft habe ich diesen Satz schon in unterschiedlichen Variationen gehört, wie oft habe ich ihn früher selber gesagt?!

Dieser Satz birgt eine Halbwahrheit, heute und auch schon zu rein analogen Zeiten. Ohne eine Entwicklung (Bearbeiten) des Bildes kann man es nicht betrachten!
„Wie jetzt? Was will mir der verwirrte Autor sagen? Ich fotografiere im JPEG-Modus, was soll denn da groß entwickelt werden?? “

Ich fange einfach früher an, bei den analogen Filmen…
In der guten alten Zeit der analogen Fotografie war es für jeden von uns selbstverständlich, dass man zum Fotografieren einen Film (wie auch immer geartet) in seinen Fotoapparat (wie auch immer aufgebaut) einlegen musste. Auf diesem Film wurde nun durch Öffnen des Verschlusses der Kamera Licht projiziert. Die Chemikalien auf dem Film reagierten und es entstand ein für das menschliche Auge (noch) unsichtbares Negativ das sogenannte „Latente Bild“.
Nun musste das so entstandene latente Bild dauerhaft auf dem Filmstreifen fixiert werden. Dieser Vorgang wird Entwicklung genannt. Mit Hilfe von verschiedenen Chemikalien, deren Einwirkzeit variabel ist, kann man nun einerseits das Negativ fixieren, andererseits durch den Austausch der Chemikalien (Diafilm/Farbfilm) und veränderte Einwirkzeiten das Ergebnis massiv beeinflussen!
Ein Farbfilm wird so zum SchwarzWeissfilm, Diafilme und Farbfilme wurden „gecrosst„.

Nix ist mit dem Schönen: „So wie es aus der Kamera kommt!“ – und wir reden erst vom Negativ!

Beim Anschließenden „abziehen“ der Fotos auf Fotopapier ging es mit den Entscheidungen weiter:
Welches Papier, welche Einstellungen beim Entwickler, welcher Ausschnitt, stürzende Linien durch Kippen der Bildebene beseitigen oder nicht, Abwedeln oder Nachbelichten und so weiter und so fort…
Hier sei der Film über James Nachtwey “War Photographer“ wärmstens empfohlen!

Und schon wieder nix mit „So wie aus der Kamera!“

Klar, der Großteil von uns hat seine Filme beim Fotoladen oder im Drogeriemarkt abgegeben, aber nur weil Entwicklung und Abzug dort maschinell und standardisiert erfolgten heißt das nicht, dass es diese Schritte nicht gab, sie waren für uns nur nicht sichtbar.

„Aber heute ist das alles anders! Heute kann ich mein Bild direkt an der Kamera schon sehen! Heute gilt: Wie aus der Kamera!“

Nö! Heute (digital) gilt dasselbe wie damals (analog)!
Die Kamera macht ein für das menschlich Auge nicht wahrnehmbares Bild, diesmal nicht als Reaktion in Chemikalien, diesmal als eine Aneinanderreihung von Nullen und Einsen auf der Speicherkarte. Ein sogenanntes RAW-Bild oder Rohdatenbild entsteht. Je nach Kameraeinstellung, bearbeitet nun der Bildprozesser der Kamera dieses Bild, speichert ein JPEG mit den vorgegebenen Parametern (Schärfe, Kontrast, Sättigung etc.) und löscht die Rawdatei oder die Kamera speichert das Rohdatenbild direkt auf der Karte.

Die RAW-Datei ist dabei viel größer, birgt mehr Informationen und bei der anschließenden Bearbeitung kann man aus den Schatten mehr Zeichnung rausholen, kann Bildrauschen reduzieren, selektiv nachschärfen, die Farbetemperatur ändern und vieles mehr!
Einer der wichtigsten Punkte ist hier sicher die Farbtiefe: Rohdateien können (so sie denn in 16Bit Farbtiefe vorliegen) 65.536 unterschiedliche Farben  abbilden.

Die JPEG-Datei ist kleiner, sofort verfügbar und der Schritt der Nachbearbeitung entfällt. JPEG-Dateien bilden lediglich 256 Farben ab.

Beides hat Vor- und Nachteile und viele meiner wirklich guten Bilder sind früher als JPEG entstanden. Viele meiner wirklich schlechten Bilder lassen sich auch mit einer RAW-Datei nicht retten und manchmal ist es einfach praktisch die Fotografien direkt versenden, also austauschen zu können. Natürlich nervt der Schritt der Entwicklung oft, wenn man das Ganze aber als digitale Dunkelkammer betrachtet,macht es Sinn, nichts anderes ist ein RAW-Konverter nämlich, egal ob für teuer Geld oder als Freeware!

Die Entscheidung liegt bei Euch und zum Glück lässt sich heute fast jede Kamera leicht von JPEG auf RAW umstellen und umgekehrt. Die meisten können sogar beide Dateiformate zeitgleich speichern.
Und bitte bedenkt: Wir reden von der Entwicklung eines Bildes, nicht von der nachträglichen Retusche von Gesichtern oder dem Hinzufügen von Gebäudeteilen oder dem Wegstempeln von störenden Autos! Das ist ein ganz anderes Thema und wird irgendwann an anderer Stelle diskutiert.

Probiert doch beim nächsten Mal einfach aus auch RAW-Daten zu speichern!

Die angehängten Bilder zeigen Euch die Möglichkeiten, die Ihr mit Rohdatenbildern habt!

Das Bild entsteht in Eurem Kopf!
Viele Grüße
Georg

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Ein Kommentar zu Roh-Kost

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